Aus der Hebammen Ausbildung wird ein Studium

Bisher gab es in Deutschland zwei Möglichkeiten, Hebamme zu werden: die dreijährige Ausbildung an einer der rund 80 Hebammenschulen oder eine akademische Qualifizierung über einen Modell-Studiengang. Durch die Umsetzung einer EU-Richtlinie soll sich das ab 2022 ändern: Dann kann der Beruf nur noch studiert werden. Dr. Johannes Egerer vom Deutschen Ev. Krankenhausverband (DEKV) erklärt die Einzelheiten.

Warum ändert sich die Hebammen Ausbildung?

Die Geburtshilfe ist heute anders als 1985, als das derzeit gültige Hebammengesetz mit seiner dreijährigen, fachschulischen Ausbildung entstand. Die Organisation und die Prozesse im Kreißsaal haben sich geändert - unter anderem durch medizinische, technische, rechtliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Hebammen brauchen deswegen erweiterte Kompetenzen und müssen selbstreflektiert handeln können.

Außerdem muss die Hebammenausbildung inhaltlich und formal ab dem 18. Januar 2020 die Vorgaben einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2005 erfüllen, damit der Berufsabschluss in anderen EU-Mitgliedsstaaten weiterhin anerkannt wird. Kurz vor Ablauf der Frist zur Umsetzung der EU-Richtlinie legte das Bundesministerium für Gesundheit im März 2019 einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Dieser regelt die Ausbildung der Hebammen als praxisintegrierendes, duales Studium neu.

Wie ist der aktuelle Stand?

Der Gesetzentwurf ist nun im Bundestag angekommen. Details können sich bis zur Verabschiedung des Gesetzes bis Ende 2019 noch ändern.

Unsere Hebammenschulen müssen sich aber bereits jetzt vorbereiten. Der letzte Hebammenjahrgang an den Fachschulen muss im Jahr 2021 begonnen werden, die Ausbildung endet dann regulär 2024. Es gibt eine Karenzzeit von 2 Jahren für Personen, die ihre Ausbildung zum Beispiel wegen einer Elternzeit unterbrechen. Das heißt spätestens ab 1. Januar 2027 wird an den Schulen keine Ausbildung nach heutigem Modell mehr stattfinden. Im Krankenhaus werden wir natürlich noch für die nächsten rund 40 Jahre beide Berufsqualifikationen nebeneinander erleben. Die gute Nachricht für die rund 25.000 Hebammen in Deutschland, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben: Sie dürfen in Deutschland weiterhin den Beruf der Hebamme ausführen – ohne Einschränkungen!

Wie ändert sich der Beruf durch die so genannte Akademisierung?

Politisch gewollt ist: Das Qualifizierungsniveau der Hebammen soll steigen. Selbstverständlich sollen sie weiterhin praktisch das tun, was sie bisher auch gut ausgebildet tun. Sie bereiten die Eltern auf die Geburt vor, bringen Kinder auf die Welt und begleiten die Eltern nach der Geburt auf dem Weg in den neuen Lebensabschnitt mit Säugling.

Zukünftig sollen Sie darüber hinaus ihre Arbeit reflektieren, Methoden weiterentwickeln und wissenschaftliche Erkenntnisse in ihr Handeln einfließen lassen. Gesundheitsminister Spahn, der die EU Richtlinie für Deutschland umsetzt, erhofft sich von den Änderungen auch, dass der Beruf moderner wird und ein attraktiveres Image bekommt, sodass sich mehr junge Menschen dafür entscheiden. Es werden mehr Hebammen gebraucht. Viele Krankenhäuser stehen heute vor der Herausforderung, genug Hebammen für Ihre Kreißsäle zu finden.

Welche Konsequenzen hat das für die diakonische Hebammen-Ausbildung?

Der DEKV sieht es so wie Jochen Vennekate, DEKV-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der Christlichen Bildungsakademie für Gesundheitsberufe Aachen GmbH: Die Akademisierung der Hebammen-Ausbildung ist gesetzt, jetzt müssen wir sie mitgestalten. Für unsere fünf Hebammenschulen in evangelischer Trägerschaft ist die Frist bis Ende 2026 Ende eine kurze Übergangszeit. Unsere Fachschulen haben sich aber rechtzeitig auf den Weg gemacht und Kontakt mit den entsprechenden Hochschulen geknüpft. Teilweise wird dort jetzt schon parallel zur Ausbildung oder im Anschluss ein hochschulischer Abschluss ermöglicht. Der Gesetzentwurf sieht aber auch vor, dass Hebammenschulen bis Ende 2030 praktische Studienveranstaltungen im Auftrag der Hochschule übernehmen können. Auch die Praxisbegleitung der Ausbildung in den Krankenhäusern, Geburtshäusern und bei freiberuflichen Hebammen kann von den Hebammenschulen übernommen werden.

Wir finden gut, dass das neue Hebammenstudium weiterhin einen hohen Praxisanteil von mindestens 2.100 Stunden haben wird. Das Krankenhaus wird als Ort für den praktischen Teil des Studiums weiterhin die tragende Rolle einnehmen. Das stärkt die evangelischen Krankenhäuser in ihrer Funktion als künftiger Arbeitgeber. Für einen Teil der evangelischen Krankenhäuser mit Geburtshilfe könnte es aber nun schwieriger werden, Hebammen für das eigene Haus als Mitarbeiterin zu gewinnen. Konnten Auszubildende bisher in die eigene Hebammenschule oder eine Partnerschule vor Ort entsandt werden, so könnte es nun sein, dass die nächste Hochschule weit entfernt ist. Studierende werden sich vielleicht lieber ein Krankenhaus näher an der Hochschule suchen.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Umsetzung des neuen Hebammenstudiums?

Der Gesetzesentwurf des Gesundheitsministeriums sieht vor, dass die Hebammenstudentinnen einen Vertrag mit „ihrem“ Krankenhaus abschließen und eine sogenannte angemessene Vergütung bekommen. Geplant ist, dass die Krankenkassen die Aufwendungen des Krankenhauses einschließlich der Ausbildungsvergütung nach § 17a KHG (Krankenhausfinanzierungsgesetz) finanzieren. Die Krankenkassen haben aber bereits angekündigt, dass sie sich für die Finanzierung einer akademischen Ausbildung nicht verantwortlich sehen. Es wäre ohnehin ein Novum, so etwas gibt es bisher noch nicht im Rahmen von Studiengängen. Für ausbildende Krankenhäuser ist eine Refinanzierung aber unerlässlich. Hier müssen die Krankenkassen überzeugt werden, die geteilte Verantwortung für die Qualifizierung der Hebammen zu übernehmen.

Eine weitere große Herausforderung wird es sein, in der Kürze der Zeit die benötigten Studienplätze zu schaffen, um die wegfallenden Ausbildungsplätze an den Schulen vollständig zu ersetzen. Hier sind die Länder mit Ihrer Finanzierungsverantwortung gefragt. Auch die Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals wird eine Herausforderung. Nicht zuletzt im Krankenhaus werden Praxisanleiter*innen benötigt. Bisher waren sie in der Ausbildung der Hebammen nicht vorgeschrieben, jetzt soll ein Viertel der praktischen Ausbildungszeit angeleitet sein. Das sind pro Studentin mindestens 525 Stunden über die gesamte Studiendauer. Der DEKV fordert eine 78 Millionen Euro Qualifizierungsoffensive für Praxisanleiter und -begleiter für die ersten vier Jahre der Umstellung. Dies soll die Krankenhäuser und Hochschulen zügig in die Lage versetzen, ihre Zusammenarbeit optimal und qualitativ hochwertig umzusetzen.

 

Text: Diakonie/Maja Roedenbeck Schäfer