Aus der Kunststoffverarbeitung in die Altenpflege

"Toll, wenn man Neues lernen kann!"

Ralf Haisch (57) hat Raumausstatter gelernt und sich in einem Unternehmen aus dem Bereich Kunststoffverarbeitung zum stellvertretenden Produktionsleiter hochgearbeitet. Als seine Abteilung 2009 geschlossen wurde, stand er mit 139 Kolleginnen und Kollegen ohne Arbeit da. Doch Haisch hat nicht aufgegeben, seine Neugier auf Neues nie verloren – und in der Altenpflege eine neue Berufung gefunden.

© Alexander-Stift

Wie kamen Sie zur Pflege?

Zur Zeit der Kündigung war ich 50 Jahre alt, da ist man in der Berufswelt nicht mehr gefragt. Wenn ich mich irgendwo beworben habe, hieß es, ich sei überqualifiziert und mein Gehaltswunsch zu hoch. Man wolle lieber jüngere Leute. Ich kann das sogar verstehen, Jüngere kann man besser formen. Ich hatte gerne in meinem früheren Beruf gearbeitet und dort gutes Geld verdient. Aber es bringt nichts, der Vergangenheit nachzutrauern. Also habe ich nach vorne geschaut. Eigentlich wollte ich damals schon Altenpfleger lernen, denn ich habe meinen Großvater gepflegt und das als sehr erfüllend empfunden. Wenn man es mit Produkten zu tun hat, kommst nichts zurück. Ein alter Mensch dagegen freut sich jeden Tag, wenn man zur Tür reinkommt! Da ich aber keinen Schulplatz finden konnte, musste ich noch einen Umweg über eine Umschulung zum Elektroniker und vier Jahre in dem Beruf gehen, bevor es mit der Altenpflege beim Alexander-Stift der Diakonie Stetten geklappt hat.

Wie waren Ihre Erfahrungen als Pflege-Azubi im fortgeschrittenen Alter?

Man hatte mir angeboten, ohne Ausbildung als Pflegeassistent sofort anzufangen zu arbeiten. Aber ich dachte, wenn ich diesen Beruf mache, dann will ich auch das Hintergrundwissen haben. Es ist doch toll, wenn man etwas Neues lernen kann! In unserer Klasse waren viele ältere Schülerinnen und Schüler, teils über 50 Jahre – am Anfang sogar mehr Männer als Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 40. Ich finde, mit 16 ist man sowieso viel zu jung für diesen Beruf. In dem Alter lernt man ja gerade mal, sich um sich selbst zu kümmern, wie will man da alte Menschen versorgen? Frühestens mit 20 hat man die geistige Reife. Mein Alter und meine Lebenserfahrung sind sehr vorteilhaft für diesen Beruf. Als Chef habe ich gelernt, einfühlsam zu sein. Mit den Senioren ist es wie mit den Mitarbeitenden: Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, sondern muss jeden mit seinen individuellen Bedürfnissen sehen. Meine Ausbilderin hat gesagt: „Das einzige, was ein Mensch im Alter nicht verliert, sind seine Gefühle.“ Unsere Bewohnerinnen und Bewohner merken sofort, dass ich anders mit ihnen spreche und auch die Angehörigen gehen davon aus, dass ich Erfahrung habe.

Wie haben Sie die Ausbildung finanziert?

Ich bekam 1.100 Euro Arbeitslosengeld und 900 Euro Ausbildungsvergütung, wovon aber die Hälfte vom Arbeitslosengeld abgezogen wurde. Dadurch hatte ich knapp 1.500 Euro im Monat zur Verfügung. Das ist nicht viel, wenn man ein Haus und drei Kinder hat. Aber da ich vorher sehr gut verdient hatte, hatte ich ein finanzielles Polster und habe von meinen Ersparnissen gelebt. Das ging.

Wie kann die Pflege als Berufsweg für junge Menschen attraktiv werden?

Mir gefällt es nicht, wenn Arbeitgeber auf einen Ausbildungsflyer Bilder drucken, die mit der Realität nichts zu tun haben. Viele Auszubildende brechen nach einem halben Jahr wieder ab, weil sie falsche Vorstellungen von dem Beruf haben. Sagt lieber ehrlich, wie es ist. Denn Altenpflege ist doch ein toller Beruf! Man kann sich als junger Mensch flott nach oben arbeiten und sogar ohne Abitur studieren. Am besten gefällt mir, dass man sehr viele Entscheidungen selber treffen muss.

Was sind Ihre weiteren beruflichen Pläne?

Also Pflegedienstleitung wäre nichts für mich. Da steht man immer zwischen zwei Stühlen: Entweder macht man es der Geschäftsführung recht oder den Mitarbeitenden und die andere Seite macht Druck. Ich denke, ich werde so ein bis zwei Jahre als Altenpfleger arbeiten und dann die Weiterbildung zur Fachkraft Palliativmedizin machen. Während der Ausbildung hatte ich einen dreimonatigen Einsatz im Hospiz, das hat mich sehr beeindruckt. Dort ist es ganz anders als im Pflegeheim. Man hat mehr Zeit, es ist fast eine 1:1-Betreuung und man kann die Menschen noch ganz anders begleiten.

Text: Diakonie/Maja Roedenbeck Schäfer