„Fragen sind besser als gar keine Reaktion“

Frank (51) ist Heilerziehungspflegehelfer und Mann mit einem transsexuellen Hintergrund. Er arbeitet bei der FLEX Eingliederungshilfe, einer Tochtergesellschaft der Diakonischen Stiftung Ummeln. Ob Diversity nur ein leeres Schlagwort ist oder ob sie wirklich gelebt wird, darüber sprachen wir mit ihm.

Hat einen langen Weg hinter sich: Frank Gommert (51), Heilerziehungspflegehelfer bei der Diakonie und Mann mit transsexuellem Hintergrund

Wissen deine Kolleg*innen von deinem transsexuellen Hintergrund?

Die Neueren eher nicht. Es fällt auch nicht auf. Ich bin zwar kein Macho, aber das sind die wenigsten Männer in der Pflege. Ich habe lange Haare, kleide mich androgyn mit Jeans und Sweatshirt. Als ich in diesem Job anfing, habe ich es trotzdem gesagt, weil ich aus gesundheitlichen Gründen noch mit Fehlzeiten rechnen musste. Ich habe schon einige Operationen hinter mir, die meinen Körper meinem Geschlecht angeglichen haben. In der Folge kann es zu Heilungsstörungen und häufigen Harnröhreninfekten kommen. Ob ich noch weitere Operationen machen lasse, weiß ich noch nicht. Das Ergebnis ist nicht voll funktionsfähig, aber ich versuche, mich damit abzufinden.

Und wie reagieren die Kolleg*innen auf dich?

Grundsätzlich gehen wir offen miteinander um und es macht keiner ein Drama aus meinem Anderssein. Wir haben auch mehrere schwule Männer in der Einrichtung. Rückfragen finde ich wesentlich angenehmer als gar keine Reaktion. Denn wenn wir zu diesem Thema nicht kommunizieren, kommen wir nicht weiter. In anderen Branchen habe ich das anders erlebt. Da wurde ich auf meine Vergangenheit als Frau reduziert und nicht als Mensch wahrgenommen.

Hast du dich deswegen für einen sozialen Beruf entschieden?

Ich komme aus der IT-Branche, einem Männerbereich, in dem man wenig sozialen Kontakt hat. Das war auch okay, solange ich mich in meinem weiblichen Körper „falsch“ gefühlt und sowieso lieber isoliert habe. Aber seit ich rechtlich und körperlich bis auf zwei Kleinigkeiten ein Mann bin, hatte ich das Bedürfnis, mit Menschen zu arbeiten. In einem Bundesfreiwilligendienst hat sich der Wunsch verfestigt. Leider habe ich die Theorie-Prüfungen zum Heilerziehungspfleger nicht bestanden, weil meine Partnerin in der Zeit verstarb. Man hat mir die Chance gegeben, das letzte Ausbildungsjahr zu wiederholen. Aber ich fühle mich auch jetzt schon als vollwertiges Teammitglied. Mir reicht das Einkommen durch meine Halbtagsstelle als Helfer, auch wenn ich keine Großen Sprünge machen kann. Wenn man bedenkt, dass ich langzeitarbeitslos war und als nicht mehr integrierbar galt, bin ich doch sehr weit gekommen.

Hilft dir deine Lebenserfahrung in deinem sozialen Beruf?

Ich arbeite in einem Wohnheim für schwerstmehrfach behinderte Menschen und Menschen mit starken psychischen Beeinträchtigungen. Es geht um Freizeitgestaltung, die Förderung ihrer motorischen Fähigkeiten, Motivation und Pflegetätigkeiten. Was mir hilft, mich in die Bewohner*innen hineinzuversetzen, ist, dass ich vor Jahren selbst eine ambulante Betreuung gebraucht habe, weil ich wegen meiner Transsexualität Depressionen bekam. Schon mit vier Jahren hatte ich zum ersten Mal geäußert, dass ich mich als Junge fühle, doch in meinem Elternhaus wurde das unterdrückt und sogar bestraft. Erst nachdem ich einen Mann geheiratet, mit ihm ein Kind bekommen und mich mit 23 wieder scheiden lassen hatte, begann ich langsam, mein Leben zu ändern. Erst mit 45 erfuhr ich, was Transsexualität ist und dass man Vornamen, Körper und Personenstand ändern kann. In den vergangenen sechs Jahren ist viel passiert!

Spielt deine Transsexualität inzwischen eine weniger große Rolle?

Für mich persönlich ja. Dadurch, dass ich ehrenamtlich geschäftsführender Vorstand in der Vereinigung Transsexuelle Menschen bin, habe ich aber noch sehr viel damit zu tun. Ich engagiere mich dafür, dass eine Akzeptanz gelebt wird, die sichtbar ist. Bei meinem Arbeitgeber gibt es ein Papier zum Thema Diversity, das wir mit dem Team durcharbeiten mussten. Die Kolleg*innen sagten: „Das ist ja tolle Theorie, aber wie ist das denn praktisch?“ Erst als ich erwiderte: „Schaut mich an, ich falle doch da rein!“, wurde den meisten klar, dass das reale Bezüge hat und dass das Sinn macht.

 

Text: Diakonie/Maja Schäfer