Von der Fachkraft zum Chef

Martin von Essen (59)

"Führen als spirituelle Aufgabe"

Dieses Führungsmodell von Anselm Grün verfolgt Martin von Essen. Früher Physiotherapeut und Pfarrer, heute Direktor des Paul-Gehardt-Stifts und Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Johannesstifts in Berlin.

"Bundeskanzler des Heims"

Porträt Frank Walker
© privat

Schon als Zivi übernimmt Frank Walker leidenschaftlich gern Verantwortung für sich und andere

Vom Zivildienstleistenden zum „Bundeskanzler des Heims“ – Frank Walker (49) ist mit Leib und Seele in der Altenpflege tätig und führt seit zwei Jahren das Haus im Schelmenholz der Evangelischen Heimstiftung GmbH in Winnenden mit über 160 Mitarbeitenden. Wie ihm ein Ausflug in die Automobilbranche für seinen verantwortungsvollen Alltag nutzt, warum Folkmusik besser ist als Beethoven und warum viel mehr Einrichtungen „Businessdeutsch für die Altenhilfe“ anbieten sollten erzählt er im Interview.

Herr Walker, wie sind Sie zur Altenhilfe gekommen?

Frank Walker: Außer meinem Vater sind in meiner Familie alle in Pflegeberufen tätig, vor allem in der Krankenpflege. Ich bin der erste Altenpfleger in meiner Familie und auch der erste, der sich vom Indianer zum Häuptling gemausert hat. Trotzdem war der Einstieg in die Pflege ein kleiner Schock. Vor meinem ersten Tag als Zivildienstleistenden in einem Altenheim hatte ich solch eine Einrichtung noch nie von innen gesehen. Meine Großeltern waren zu diesem Zeitpunkt noch alle sehr fit und so war ich mit dieser großen Hilfsbedürftigkeit, mit der ich schlagartig konfrontiert war, anfangs komplett überfordert.

Statt auf dem Absatz kehrt zu machen, sind Sie geblieben – warum?

Walker: Es war einfach ein Fehler in der Organisation und als ich bei der Pflegedienstleitung um Unterstützung gebeten habe, hat sie für mehr Struktur und Begleitung gesorgt. Dass ich schon immer recht gut einschätzen konnte, was ich kann und wo ich Hilfe brauche, ist, glaube ich, generell eine Stärke von mir und sicher einer der Gründe für meine Karriere. Und dass ich immer Verantwortung übernehmen und etwas bewegen will – so zum Beispiel auch als Zivi-Sprecher oder später als Leiter der Mitarbeitendenvertretung.

Vom Zivi zum Heimleiter einer großen Einrichtung – war das ein geradliniger Weg?

Walker: Nach dem Zivi habe ich zunächst ein Jahr befristet als Pflegehelfer gearbeitet, da ich mir das Schulgeld für die Altenpflegeschule, das damals noch fällig war, erst ansparen musste. Danach bin ich zur Ausbildung nach Remscheidt gegangen, ins Evangelische Fachseminar für Altenpflege der Rheinischen Gesellschaft für Innere Mission und habe im Anschluss zwei Jahre bei verschiedenen Einrichtungen der Diakonie und der Caritas, aber auch bei einem privaten Träger gearbeitet. Letzteres war gar nicht mein Ding, da ging es nur um Gewinnmaximierung, da bin ich nach ein paar Monaten wieder weg.

Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen besonders liegt und so bin an eine gerontopsychiatrische Einrichtung in Köln gewechselt. Hier wurde gerade ein neuer Wohnbereich aufgebaut, für den mir die Leitung anvertraut wurde, was für mich sehr aufregend war. Ich habe eng mit der Heimleitung zusammengearbeitet, die mir dann auch die Weiterbildung zur Wohnbereichsleitung bei der Kaiserswerther Diakonie ermöglicht hat. In dieser Zeit habe ich eine weitere Stärke ausgebaut: meine Menschenkenntnis. Was brauchen meine Mitarbeiter, um ihre Arbeit gut zu machen, wo kann ich Unterstützung geben, wie kann ich Arbeitsabläufe gut strukturieren? Ich habe dann sehr glücklich mehrere Jahre als Wohnbereichs- und Pflegeleiter gearbeitet, und bin nach einem äußerst interessanten Jahr Auszeit über das Traineeprogramm der Evangelischen Heimstiftung zum Heimleiter – bei der Evangelischen Heimstiftung nennt man diese Position Hausdirektor – aufgestiegen und leite seit 2015 das Haus im Schelmenholz in Winnenden mit über 160 Mitarbeitern.

Was war das für eine Auszeit?

Walker: Mich hat es  für ein Jahr in die beschauliche Schweiz verschlagen. Das hatte vor allem private Gründe und war auch dem Wunsch geschuldet, Abstand von der trubeligen Kölner City zu gewinnen. Gearbeitet habe ich in dieser Zeit bei einer Autovermietung in Liechtenstein. Da in der Schweiz meine Ausbildung nicht anerkannt wurde und ich dort und auch in dem einzigen Altenheim in Liechtenstein nur als Pflegehelfer hätte arbeiten können, habe ich mich nach etwas anderem umgeschaut. Die Zeit in der Automobilbranche war eine hochspannende Zeit, denn ich habe einiges gelernt in Sachen Kundenorientierung.

Brauchen wir mehr Kundenorientierung in der Pflege?

Walker: Der Zustand, dass bei der Autovermietung ein Kunde um drei Uhr nachts anruft und sofort ein Auto bekommt, wenn er entsprechend bezahlt, hat mich doch sehr beschäftigt. Das lässt sich natürlich nicht 1:1 auf die Pflege übertragen, zumal es überhaupt nicht in unserem Sinne ist, dass derjenige mehr bekommt, der mehr Geld auf den Tisch legt. Aber wir müssen viel stärker dahin kommen, die Menschen in ihren individuellen Bedürfnissen zu unterstützen. Ich vergleiche das immer mit der Situation meiner Mutter. Sie ist dement und wohnt in einem Pflegeheim. Ihr ganzes Leben lang hat sie um fünf Uhr morgens geduscht und es ist das einzige, was sie in dem Heim regelmäßig einfordert und wobei sie Unterstützung braucht, denn ansonsten ist sie noch recht selbstständig. Aber die Mitarbeiter sind nicht in der Lage, ihr das zu ermöglichen. Das Erste, was meine Mutter bei meinen Besuchen sagt, ist: „Die kümmern sich hier nicht um mich.“ Denn das ist es, was hängen bleibt. Und das muss sich ändern.

Wie können Sie als Heimleitung daran etwas drehen?

Walker: Wir starten bei uns demnächst in einem Wohnbereich ein neues Konzept. Dort werden sogenannte Alltagsbegleiter gemeinsam mit den Bewohnern deren Tag nach ihren Bedürfnissen gestalten. Klar, muss man da auch Kompromisse schließen, aber alleine dafür offen zu sein, was die Bewohner möchten, ist unglaublich wichtig. Dabei steht die Pflege nicht mehr im Mittelpunkt, sondern gibt lediglich den Rahmen vor. Denn – mal ganz ehrlich – was haben wir denn davon, wenn der Bewohner sich morgens in der vorgegebenen Zeit von Kopf bis Fuß gewaschen hat, aber danach so erschöpft ist, dass er sich nicht mehr auf den Tag freut?

Haben Sie als Personalverantwortlicher eigentlich Nachwuchssorgen?

Walker: Wir müssen uns von dem Gedanken befreien, dass die Bewerber schon zu uns kommen, gut ausgebildet und fokussiert. Wir müssen selbst aktiv werden, Potentiale entdecken und fördern. Und bereit sein, auch mal zu investieren. Zum Beispiel in einen begleitenden Deutschkurs, der vielleicht die Ausbildungszeit verlängert, aber dafür sorgt, dass wir danach eine fitte Fachkraft einstellen können. Wir sind ein total internationales Haus und haben Mitarbeiter aus Vietnam, Brasilien und dem Kosovo. Um Kollegen mit Sprachdefiziten fachgerecht zu fördern, bieten wir auch einen Kurs in „Businessdeutsch für die Altenhilfe“ an. Übrigens ist eine Ausbildung in jedem Alter möglich – wir haben tolle Mitarbeiter, die erst mit über 50 ihre Berufung gefunden haben, die lernen vielleicht nicht ganz so schnell wie ihre jungen Kollegen, bringen aber jede Menge Motivation und Lebenserfahrung mit.

In unserem Haus sind wir mit 30 Auszubildenden derzeit sehr gut aufgestellt. Neulich sagte einer unserer Nachwuchskräfte auf die Frage, was er hier im Haus einmal erreichen will: „Ich möchte einmal Herrn Walker ersetzen.“ Es freut mich, dass ich mit meinem Werdegang vom Zivi zum Hausdirektor – oder auch zum „Bundeskanzler des Heims“, wie es während des Traineeprogrammes einmal augenzwinkernd genannt wurde – offensichtlich ein Vorbild für den Nachwuchs bin.

Was machen Sie, wenn es mal besonders stressig wird?

Walker: Als gebürtiger Rheinländer bringt mich eigentlich so schnell nichts aus der Ruhe. Zum Abschalten höre ich gerne Musik – von Rock und Pop über Jazz bis zu Beethoven. Nach einem besonders anstrengenden Tag lege ich meist eine Folk-Platte auf. Da kann man sich nicht einfach berieseln lassen, sondern muss zuhören. Dabei komme ich besonders gut runter.

Interview: Diakonie/Verena Manhart