Von der Hauptschülerin zur Heimleiterin

„Alle zwei Wochen packe ich in der Pflege mit an“

Ann-Kathrin Kiefer ist mit dem 9-jährigen Hauptschulabschluss in den sozialen Bereich gestartet und steht jetzt als Haus- und Pflegedienstleiterin in einer Einrichtung des Alexander-Stifts kurz vor dem Abschluss ihres nebenberuflichen Sozialmanagement-Studiums - und vor der Geburt ihres ersten Kindes. Eine unglaubliche Geschichte über eine 27-Jährige, die das Leben gelehrt hat, sich durchzusetzen.

© privat

Wann haben Sie die ersten Berührungspunkte mit den sozialen Berufen gehabt?

Beim Sozialpraktikum in der 8. Klasse wurde mir ein Altenpflegeheim des Alexander-Stifts zugeteilt. Ich hatte große Angst davor und konnte mir nicht vorstellen, dass das etwas für mich wäre. Doch dann habe ich schnell festgestellt, dass ich eine tiefe Zuneigung gegenüber den älteren Menschen spürte und dass ich mich mit dem Beruf des Altenpflegers identifizieren konnte. Ich habe mit den Bewohnern gebastelt, gesungen und ihnen das Essen gereicht. Eine Praktikantenbetreuerin hat uns eng begleitet und dafür gesorgt, dass es eine gute Erfahrung für uns wurde.

Und seitdem haben Sie ihren Berufswunsch nicht mehr infrage gestellt?

Genau. Man muss dazu sagen, dass ich auch zu Hause früh Berührung mit der Pflege hatte. Meine Patentante erlitt einen Unfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Wir haben sie bei uns aufgenommen und gepflegt. Dabei habe ich immer geholfen oder zugeschaut, wenn die ambulanten Pflegekräfte kamen. Auch meine Oma haben wir bis zu ihrem Tod zu Hause versorgt. Dadurch habe ich gelernt, dass es nach Schicksalsschlägen trotzdem weitergeht. Mittlerweile lebt meine Patentante alleine und hat ihr Leben gut im Griff! Zusätzlich hatten meine Eltern ihr eigenes Unternehmen und haben viel gearbeitet. Ich musste mich also immer alleine durchboxen und habe sie unterstützt, wo ich konnte.

Wie ging es nach dem Sozialpraktikum für Sie weiter?

Ich habe den 9-jährigen Hauptschulabschluss und danach ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht. Danach die Pflegehelferausbildung im Altenheim Fritz in Fornsbach, wo ich mit bestandener Ausbildung auch den Realschulabschluss bekam. Dann habe ich die dreijährige Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin drangehängt und sofort danach eine neunmonatige Weiterbildung zur Wundexpertin absolviert. Als nächstes kam die Berufskraftfahrerausbildung samt LKW-Führerschein an der Abendschule, die ich gemacht habe, damit ich im Familienbetrieb mithelfen kann, wenn ich gebraucht werde. Und als ich damit fertig war, bin ich in die zweijährige Weiterbildung zur Pflegedienstleitung eingestiegen.

Wie gelingt es Ihnen, Ihren Weg so geradlinig zu gehen?

Ich habe ein klares Ziel vor Augen: Ich wusste, ich will hoch hinaus und in der Pflege etwas bewegen. Mein Chef hat mich immer unterstützt. Als ich die Leitung im Otto-Mühlschlegel-Haus übernahm, hatte es keinen besonders guten Ruf. Es hatte einige Leitungswechsel gegeben und den Mitarbeitenden fehlte die Struktur. Ich habe dann klare Pausenzeiten und Schichtabläufe eingeführt und ein neues Pflegeteam aufgebaut. Inzwischen sind Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen wieder zufrieden!

Müssen Arbeitgeber lernen, dass junge Leute heutzutage früh viel erreichen möchten?

Ja, man muss die jungen Leute vom ersten Tag an fördern! Sie sind bereit, unten anzufangen, aber wollen sich schnell hocharbeiten und ordentliches Geld verdienen. Ich kann natürlich nicht alle gleichzeitig zur Weiterbildung schicken. Aber wenn jemand signalisiert, dass er mehr möchte, überlege ich, wo ich Potential sehe, welche Fähigkeiten ich noch für mein Haus benötige. Wenn sich schon jemand anders in einer Weiterbildung befindet, schlage ich dem Mitarbeitenden eine Fortbildung vor, um ihn bei Laune zu halten, bis er mit einer Weiterbildung dran ist. Ich nehme Mitarbeitergespräche und die Frage nach den beruflichen Zielen sehr ernst! Grundsätzlich denke ich, dass man keinen Kickertisch braucht, um eine moderne Arbeitsatmosphäre zu schaffen, mit der auch junge Leute zufrieden sind. Wertschätzung, Danke sagen, ein offenes Miteinander und gelegentlich mal etwas Süßes sind genauso viel Wert. Wir haben außerdem einen Massagestuhl für Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen, der gut genutzt wird, und geben 500 Euro im Jahr für teambildende Maßnahmen aus.

Gab es in Ihrer Laufbahn keine Krisen?

Anfangs war es mit den älteren Mitarbeitenden schwierig, ich musste mir ihr Vertrauen erarbeiten. Eine junge Leitungskraft muss erst beweisen, dass sie nicht mit dem Kopf durch die Wand will, sondern alle mitnimmt. Das Schwierigste ist aber der Umgang mit dem Personalmangel. Ich muss die Mitarbeitenden immer bei der Stange halten, ihnen Mut zusprechen: Wir schaffen das! Ich packe auch selber mindestens alle zwei Wochen einen Tag in der Pflege mit an, um den Kolleg*innen zu zeigen, dass ich an ihrer Seite stehe. In den Sommerferien pflege ich zwei, drei Wochen am Stück, damit alle Mitarbeitenden mit Kindern Urlaub nehmen können. Mein Tipp an Nachwuchsführungskräfte ist: Habt ein Ziel vor Augen! Man kann alles schaffen, was man will! Lasst den Kopf nicht hängen, steht immer wieder auf, wenn es Krisen gibt. Auch negative Erfahrungen sind wichtig, sie machen einen reifer.

Welche weiteren beruflichen Pläne haben Sie noch?

Jetzt sind erstmal Freunde und Familie dran, für die habe ich in den letzten Jahren wenig Zeit gehabt! Ich habe ja letztes Jahr noch ein duales Studium Social Management an der Steinbeis-Hochschule begonnen, welches ich im Oktober abschließe. Bis August muss ich meine Bachelorarbeit fertig bekommen, denn im September erwarte ich mein erstes Kind. Im Oktober steht nur noch das Kolloquium an und dann werde ich ein Jahr Pause machen. Danach habe ich einen Anspruch auf eine gleichwertige Stelle im Alexander-Stift. Mein langfristiges Ziel ist es, Regionalleiterin zu werden.

 

Text: Diakonie/Maja Schäfer